Shattered Glass (2003)

An der Redaktionssitzung ohne gute Geschichte aufzukreuzen ist der Albtraum jedes Journalisten. Stephen Glass kennt dieses Problem nicht: Seine Stories überstrahlen alles, was seine Kollegen präsentieren. Bis das Kartenhaus zusammenbricht.

«Shattered Glass» ist eine wahre Geschichte, die sich Ende der 90er Jahren in der Redaktion der «New Republic» abgespielt hat. Dem Inflight-Magazin der Airforce One, wie man mit Stolz betont. Der eigenwillige Glass (Hayden Christensen) ist nicht nur Star der Redaktion, sondern auch hochgeschätzt. Seine Kollegen mögen ihn für seine Bescheidenheit, der Chefredaktor für seine Kreativität.

«New Republic» hat hohe Standards. Faktenchecker überprüfen akribisch die Geschichten der Reporter. Doch die Zuverlässigkeit des Systems hat Grenzen: Öffentlich zugängliche Daten können zwar unabhängig überprüft werden. Doch was, wenn der Journalist nach einer Reportage nur eigene Notizen vorweisen kann?

Stephen Glass (Hayden Christensen) gerät unter Druck.

Glass› Image als Edelfeder erhält erste Kratzer, als er eine Geschichte über einen Hacker schreibt, der Lücken bei IT-Firmen aufdeckt und ihnen teuer sein Wissen verkauft. Der hochbegabte Teenager ist damit so erfolgreich, dass ihn gar ein Agent vertritt.

Die Geschichte ist so gut, dass sie bei der Konkurrenz von «Forbes» für Furore sorgt. Der Digital-Redaktor Adam Penenberg (Steve Zahn) forscht nach und stellt schnell Ungereimtheiten fest. Nachdem er  die Leitung der «New Republic» damit ein erstes Mal konfrontiert hat, beginnt auch Chefredaktor Charles Lane (Peter Sarsgaard) an seinem Starjournalisten zu zweifeln.

Superstar Tom Cruise hat «Shattered Glass» produziert. Mit einem Budget von sechs Millionen Dollar ist der Film eine günstige Produktion. Das sieht man ihm auch an: Viele Szenen spielen sich in Büroräumen ab, Superstars fehlen gänzlich – vom Produzenten abgesehen.

«Shattered Glass» hätte mehr Aufmerksamkeit verdient

Das ist auch nicht nötig. Drehbuchautor und Regisseur von Billy Ray hat mit «Shattered Glass» ein intelligentes Drama abgeliefert, das eigentlich viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. 

https://www.youtube.com/watch?v=W90y0s6cBt8

Der Cast überzeugt, allen voran Christensen. Er mimt den fehlgeleiteten Journalisten perfekt. Den Wandel vom ambitionierten Reporter zu einem weinerlichen kleinen Buben nimmt man ihm ab. Manchmal wollte ich ihm zurufen, er solle doch mit der Scharade aufhören.

Christensen stellt seine Kollegen in den Schatten, wie es Glass anfänglich in der Realität gemacht hat. Trotzdem überzeugt mich Sarsgaard als junger, unbeliebter Chefredaktor ebenso. 

Charles Lane (Peter Sarsgaard) kommt Glass (Hayden Christensen) auf die Schliche.

Schade, sind die Frauenfiguren alle zu Nebenrollen verdammt. Gerne hätte ich mehr über den inneren Konflikt von Glass’ Kollegin Caitlin Avey (Chloë Sevigny) erfahren. Sowieso bleibt der Film in den psychologischen Fragen etwas dünn, auch bei Christensen Charakter.

Mann muss nicht Journalist sein, um «Shattered Glass» zu mögen. Ray liefert einen fesselnden Film mit glaubwürdigen Dialogen ab, der trotz seiner Materie leicht zugänglich ist. Visuell ist das Regiedebüt ansprechend, wenn auch unauffällig. Ganz überrascht es nicht, dass Ray sich seit «Shattered Glass» hauptsächlich wieder aufs Drehbuchschreiben konzentriert.

Glass ist nicht der einzige Journalist, der Fantasie als Realität verkauft. Vor drei Jahren musste der deutsche «Spiegel» zugeben, Wunder-Schreiberling Claas Relotius habe «in grossem Umfang» Geschichten erfunden. «Shattered Glass» bleibt auch im Internet-Zeitalter relevant.

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